Zurück zur vorherigen Seite

Das 2. Buch von
Tim Weidner
(21.07.2009)

Liebe Besucher, hier möchte ich einen Teil des Manuskripts des neuen Buchs von XXX Alias Tim Weidner vorstellen. Es wird noch eine ganze Weile vergehen, bis dieses Buch im Handel erscheint. Wem es interessiert, der kann hier schon eine Leseprobe des Manuskripts downloaden. Der Titel steht noch nicht 100% fest, wird aber wahrscheinlich so lauten:

 

Gelände Ende-Gelände

oder

Im Osten nichts Neues
Erinnerungen eines Trinkers

 Man kann also gespannt sein. Das Buch ist spannend und kurzweilig, durchzogen von einem Hauch von Sarkasmus und jeder Menge Verbitterung geschrieben.

 

( 1. )  ZWEI  MÄNNER  UND  IHR  HALBES  LAND

  Seine schlürfenden Schritte hallten durch die Straße. Der im Licht der tief stehenden Sonne regenbogenfarben schillernde Tropfen an seiner schrumpligen Nase baumelte trittsynchron hin und her. Ein himmlischer Beobachter würde sich über die Schlangenlinien seines Fortschreitens wundern, ein irdischer sehen, er umlief kraterähnliche, von den knackig kalten, letzten 15 Wintern gefressene Schlaglöcher. Langsam begann sich die Dunkelheit auszubreiten. Die meisten Straßenlampen waren zerschossen, zerbrochen, umgefallen und von der Zeit zerbröselt. Es war belanglos, denn die Straßenbeleuchtung war schon vor vielen Jahren, damals noch aus Kostengründen, abgeschaltet worden. Jetzt leuchtete nur noch der gute alte Mond. Leider nicht immer.

  Wehmütig streifte sein Blick über die leeren, schwarzen Fensterhöhlen, über zerfallene Schornsteinköpfe, über eingebrochene Dächer aus denen beachtliche Birken wuchsen, deren Blätter leise im Wind miteinander zu flüstern schienen. Herabhängende Dachrinnen schaukelten träge in allmählich aufsteigendem Nebel, als wollten sie ihm winken, ihn stumm grüßen. Verwitterte Ziegelsteine, die sich längst ihres Schutzes vor Sonne und Frost, ihres Verputzes, entledigt hatten und aus deren Bindungsfugen unaufhörlich zerkrümelnder Mörtel rieselte, grinsten ihm wie zahnlose, alte Mütterchen entgegen. Eine verwilderte Katze mit ruppigem Fell starrte ihn verblüfft aus einem dunklen, türlosen Hausflur an. Ihre Augen funkelten wie die Uniformknöpfe des einbeinigen Zinnsoldaten, der so viel erlebt und der es aus Scham nie fertig gebracht hatte seiner angebeteten Papiertänzerin, seiner Prinzessin zu gestehen, dass er sie liebte. Als er näher kam, machte sie kehrt und verschwand geräuschlos im Haus.

  Die Betonblöcke der „Neubauten“, zu DDR-Zeiten scherzhaft Cama-Margarine-Siedlungen oder Arbeiterregale genannt, kamen in Sicht. Als sie gebaut wurden waren sie, allgemeinem Wohnungsmangel und verhältnismäßig hohem Komfort geschuldet (sie hatten Dusche oder Bad), begehrt wie kostenfreie Freudenmädchen. Dann, nach der Wende, wollte kaum noch jemand in diesen hellhörigen, bunkerähnlichen, grauen Massenunterkünften wohnen. Nach und nach zogen die Bewohner aus und es begann der Abriss. Damals nannten sie es noch STÄDTEUMBAU und STÄDTERÜCKBAU. Dörfer, die nach dem Krieg mit Flüchtlingen aufgefüllt zu Städten wuchsen. Städte, deren Sterben mit dem Mauerfall begann, aus denen allmählich wieder Dörfer, mit stetig schwindender Einwohnerzahl wurden und die schließlich ganz „vom Markt genommen“ oder die die Zeit in Steinhaufen verwandelte. In alten, vergilbten Autokarten konnte man noch die Namen der Ruinenkonglomerate nachlesen. Die Staatsdiener, die Beamten waren jeweils ihre letzten Bewohner gewesen. Wenn es dann niemanden mehr zu betreuen, zu bewachen und im Namen der Ordnung zu bevormunden gab, sie damit überflüssig waren, mussten sie den Weggezogenen folgen. Als immer mehr und mehr die Region verließen, unterließen sie es, Umschreibungsnamen für „Abriss“ und „Verfallsbeseitigung“ zu erfinden. Noch später stellten sie auch den Abriss ein. Die Plattenhäuser verfielen zuerst. Danach die älteren, die massiven. Am längsten trotzten die Umgebindehäuschen der Zeit. Aber es nütze ihnen nichts, auch sie wollte keiner haben, weil kaum noch Einwohner da waren um Bedarf anzumelden. 

  Diejenigen, die kurz nach dem Mauerfall in die „alten Bundesländer“ verdufteten, hatten noch Käufer für ihre Immobilien gefunden, noch gutes Geld bekommen. Die Letzten bissen bekanntlich die Hunde. Ganz allmählich waren die Preise gegen null gerutscht, der Immobilienmarkt zusammengebrochen. Jetzt saßen die Erben des Plunders im Westen und wussten nichts mit ihrem Grund und Boden anzufangen. Einmal hatte ein pfiffiger Kerl im Internet inseriert:

„Kaufen sie sich ihr eigenes Dorf!“

  Der Gag war perfekt und erregte vorübergehend ziemliche Aufregung in allen Medien. Aber er funktionierte nur bei zwei, drei Nachahmern. Als, der Not gehorchend, viele die Idee aufgriffen, um nicht zusehen zu müssen, wie ihre verlassenen Heimatdörfer zu Staub zerfielen, war es wie mit allen wiederholten Wundern, sie wurden langweiliges Tagesgeschäft für das sich niemand interessierte.

  Er hörte plötzlich Schritte, aber sie hörten sofort auf als er stehen blieb. Klar, es waren seine Eigenen. Selbst die paar alternden Punks, die sich erst vor fünf Jahren aus dem Staub gemacht hatten und die bis dahin in den noch einigermaßen verfallresistenten, intakten, teilweise über 200 Jahre alten Umgebindebuden hausten, waren weggezogen. Aus den fensterlosen Löchern, die wie monströse, tote Augen glotzten, fielen immer wieder Bündel aus Erinnerungen in die gewaltigen Schlaglöcher der Straße. Nach `89 waren fast alle, die zuvor ausnahmslos ein Bild des Jammers boten, mit neuer Schwarzdecke überzogen worden, die sich jetzt wieder auflöste, ihren Geist aufgab und stetig zerkrümelte, so dass sie wieder aussahen wie zu schlimmsten sozialistischen Mangelzeiten. Irgendwann hatten sogar „Amtlich-Statistische-Erhebungsstudien“ ergeben, der Osten sei eine sterbende Region. Sie wurden dem Pöbel aber vorenthalten damit er nicht in Panik geriet. In den ehemaligen Gärten rund um die Häuser waren wie von Geisterhand gepflanzte Weiß- und Moorbirken gewachsen. Die meisten von ihnen überragten bereits die eingebrochenen Dächer. Wildkirschen und Holunderbüsche standen vereinzelt dazwischen. Mittendrin faulten umgebrochene, einst von den Anwohnern gehegte Blaufichten. Aber die gehörten eigentlich nicht in diese Gegend. Folgerichtig begann sie die Natur zu entfernen. Ahorn, verkrüppelte Eiben und Ulmen begannen sich zwischen vor Langem gepflanzten Lebensbaumhecken auszubreiten. Seit mehr als zwei Jahrzehnten hatte niemand mehr die Hecken geschnitten. Ihre Höhe schätze er auf 15 Meter.

  Ein kapitaler Dachs trottete furchtlos, fast gelangweilt über das, was früher eine Straße war. Er blieb stehen, drehte sich zu ihm um, betrachtete ihn, als sei er ein Wesen aus einer anderen Galaxie und lief seelenruhig weiter. An einem großen Laubhaufen vom Vorjahr, der im Windschatten eines Betonplattenhaufens beachtliche Größe erreicht hatte, kauerte er um in aller Ruhe sein „Geschäft“ zu erledigen. Ohne den Passanten eines Blickes zu würdigen trottete er gemächlich weiter. Der Geruch seines Haufens wehte ihm in die Nase. Die Schwarzdecke war ab dieser Stelle und noch mindestens 200 Meter weiter völlig verschwunden. Ein paar knorrige Obstbäume gab es auch noch. Im Herbst erntete er mit Jatzel, einem ehemaligen Arbeitskollegen, immer die unteren Früchte ab. Keiner von beiden traute sich mit den alten, gebrechlichen Knochen noch auf eine Leiter. Wozu auch, das Obst der herabhängenden Äste reichte für beide. Es schmeckte vorzüglich. Niemand düngte oder spritze es. Viel besser, als das aus dem fahrenden Versorgungswagen, der jede Woche einmal für wenige Minuten an der alten Schule hielt. SEINER Schule, die nach der Jahrtausendwende, als schon die Hälfte der Leute weg waren, zu einem Altenpflegeheim umfunktioniert worden war. Im Halbdunkel sah sie aus, als wolle sie sich eben in den Schulhof kauern, um zu kacken und den Dreck aus ihren einstürzenden Fluren zu drücken.

  Die letzten Alten, die sie bewohnt hatten, waren längst gestorben. Der Betreiber von dem Ding hatte anfangs an den Omas und Opas richtig fettes Geld verdient, ein irres Geschäft gemacht. Jetzt war er pleite. Das kleine Stadion, in dem er mit seinen Kinderfreunden, mit Bimmi, den Jakobs, mit Anton, Hurre, Klapp, Floh, Gustav, Siehte und Wimmrich die verrücktesten Spiele gespielt hatte, stand unter Wasser. Irgendwo, weiter oben am Berghang war eine Abwasserleitung geplatzt. Zuerst hatte es mörderisch gestunken. Wie ein Rinnstein voller Scheiße im Mittelalter. Jetzt war das Wasser glasklar wie die frisch geputzten Schaufensterscheiben eines großen Kaufhauses in den alten Bundesländern. Im Frühjahr konnte er abends die Froschchöre bis zu seinem Haus quaken hören. Wenigstens eine Spezies, die sich hier sichtlich wohl fühlte. Gegenüber hatten Henny, Gerold und Steffen gewohnt. Ob sie noch lebten? 

Wie geht es weiter? DOWNLOAD hier!